Der Erhabene Weg ist nicht schwer
für den, der frei von Vorlieben ist.
Bist du ohne Liebe und Haß,
wird alles klar und unverhüllt.
Machst du jedoch nur die kleinste Unterscheidung,
dann sind Himmel und Erde unendlich getrennt.
Willst du die Wahrheit sehen,
dann sei ohne Meinung für oder gegen etwas.
Das, was du magst, gegen das zu stellen, was du nicht magst,
ist die Krankheit des Geistes.
Wird die tiefe Bedeutung der Dinge nicht erkannt,
so wird der Friede des Geistes nur nutzlos gestört.
The Great Way is not difficult
for those who have no preferences.
When love and hate are both absent
everything becomes clear and undisguised.
Make the smallest distinction, however,
and heaven and earth are set infinitely apart.
If you wish to see the truth,
then hold no opinions for or against anything.
To set up what you like against what you dislike
is the disease of the mind.
When the deep meaning of things is not understood
the mind's essential peace is disturbed to no avail.
Hsin-hsin-ming, Zen-poem
Die höchste Lust haben wir ja an den Fragmenten, wie wir am Leben ja auch dann die höchste Lust empfinden, wenn wir es als Fragment betrachten, und wie grauenhaft ist uns das Ganze und ist uns im Grunde das fertige Vollkommene. Erst wenn wir das Glück haben, ein Ganzes, ein Fertiges, ja ein Vollendetes, zum Fragment zu machen, wenn wir daran gehen, es zu lesen, haben wir den Hoch- ja unter Umständen den Höchstgenuß daran. Unser Zeitalter ist als Ganzes ja schon lange Zeit nicht mehr auszuhalten, sagte er, nur da, wo wir das Fragment sehen, ist es uns erträglich. Das Ganze und das Vollkommene ist uns unerträglich, sagte er. So sind mir im Grunde auch alle diese Bilder hier im Kunsthistorischen Museum unerträglich, wenn ich ehrlich bin, sind sie mir fürchterlich. Um sie ertragen zu können, suche ich in und an jedem einzelnen einen sogenannten gravierenden Fehler, eine Vorgangsweise, die bis jetzt immer zum Ziel geführt hat, nämlich aus jedem dieser sogenannten vollendeten Kunstwerke ein Fragment zu machen, sagte er. Das Vollkommene droht uns nicht nur ununterbrochen mit unserer Vernichtung, es vernichtet uns auch, alles, das hier unter dem Kennwort Meisterwerk an den Wänden hängt, sagte er. Ich gehe davon aus, daß es das Vollkommene, das Ganze, gar nicht gibt und jedesmal, wenn ich aus einem solchen hier an der Wand hängenden sogenannten vollkommenen Kunstwerk ein Fragment gemacht habe, indem ich so lange an und in diesem Kunstwerk nach einem gravierenden Fehler, nach dem entscheidenden Punkt des Scheiterns des Künstlers, der das Kunstwerk gemacht hat, gesucht habe, bis ich ihn gefunden habe, komme ich einen Schritt weiter. Noch in jedem dieser Bilder, sogenannten Meisterwerke, habe ich einen gravierenden Fehler, habe ich das Scheitern seines Schöpfers gefunden und aufgedeckt. Über dreißig Jahre ist mir diese, wie Sie meinen mögen, infame Rechnung, aufgegangen. Keines dieser weltberühmten Meisterwerke, gleich von wem, ist tatsächlich ein Ganzes und vollkommen. Das beruhigt mich, sagte er. Das macht mich im Grunde glücklich. Erst wenn wir immer wieder darauf gekommen sind, daß es das Ganze und das Vollkommene nicht gibt, haben wir die Möglichkeit des Weiterlebens. Wir halten das Ganze und das Vollkommene nicht aus. Wir müssen nach Rom fahren und feststellen, daß die Peterskirche ein geschmackloses Machwerk ist, der Berninialtar eine architektonische Stumpfsinnigkeit, sagte er. Wir müssen den Papst von Angesicht zu Angesicht sehen und persönlich feststellen, daß er alles in allem ein genauso hilflos-grotesker Mensch ist, wie alle anderen auch, um es aushalten zu können. Wir müssen Bach hören und hören, wie er scheitert, Beethoven hören und hören, wie er scheitert, selbst Mozart hören und hören, wie er scheitert. Und so haben wir auch mit den sogenannten großen Philosophen zu verfahren, sind es selbst unsere Lieblingsgeisteskünstler, sagte er. Wir lieben ja Pascal nicht, weil er so vollendet ist, sondern weil er im Grunde so hilflos ist, wie wir Montaigne wegen seiner lebenslänglich suchenden und nicht findenden Hilflosigkeit lieben, Voltaire wegen seiner Hilflosigkeit. Wir lieben die Philosophie und die ganze Geisteswissenschaft insgesamt ja nur, weil sie absolut hilflos ist. Nur die Bücher lieben wir in Wahrheit, die kein Ganzes, die chaotisch, die hilflos sind. So ist es mit allem und jedem, sagte Reger, auch einem Menschen hängen wir ja nur deshalb ganz besonders an, weil er hilflos ist und kein ganzer, weil er chaotisch ist und nicht vollkommen. Ja, sage ich, El Greco, schön, aber der gute Mann hat keine Hand malen können!, und ich sage Veronese, schön, aber der gute Mann hat kein natürliches Gesicht malen können. Und was ich Ihnen heute über die Fuge gesagt habe, sagte er gestern, kein einziger von allen Komponisten und seien es die größten, hat die vollendete komponiert, selbst Bach nicht, der doch die Ruhe selbst gewesen ist und die reine kompositorische Klarheit. Es gibt kein vollendetes Bild und es gibt kein vollendetes Buch und es gibt kein vollendetes Musikstück, sagte Reger, das ist die Wahrheit und diese Wahrheit ermöglicht es, daß ein Kopf wie mein Kopf, der doch zeitlebens nichts anderes ist, als ein verzweifelter Kopf, weiterexistiert. Der Kopf hat ein suchender Kopf zu sein, ein nach den Fehlern, nach den Menschheitsfehlern suchender Kopf, ein das Scheitern suchender Kopf zu sein. Der menschliche Kopf ist nur dann tatsächlich ein menschlicher Kopf, wenn er nach den Menschheitsfehlern sucht. Der menschliche Kopf ist kein menschlicher Kopf, wenn er sich nicht auf die Suche nach den Menschheitsfehlern macht, sagte Reger. Ein guter Kopf ist ein nach den Menschheitsfehlern suchender Kopf, und ein außerordentlicher Kopf ist ein Kopf, der diese Menschheitsfehler findet, und ein genialer Kopf ist ein Kopf, der auf diese aufgefundenen Fehler, nachdem er sie gefunden hat, hinweist und mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln auf diese Fehler zeigt. Auch in diesem Sinne, sagte Reger, bewahrheitet sich der an sich doch immer nur kopflos ausgesprochene Spruch, wer suchet, der findet. Wer hier in diesem Museum in diesen Hunderten von sogenannten Meisterwerken nach Fehlern sucht, der findet sie auch, sagte Reger. Kein Werk in diesem Museum ist fehlerfrei, sage ich. Das mögen Sie belächeln, sagte er, das mag Sie erschrecken, mich selbst beglückt es. Und es hat ja auch seinen Grund, warum ich über dreißig Jahre in das Kunsthistorische Museum gehe und nicht in das Naturhistorische Museum gegenüber.
Thomas Bernhard - Alte Meister
Zu Hause lese ich schon seit Jahren kein Buch mehr, hier im Bordone-Saal habe ich schon Hunderte Bücher gelesen, aber das heißt nicht, daß ich alle diese Bücher im Bordone-Saal ausgelesen hätte, ich habe niemals in meinem Leben ein einziges Buch ausgelesen, meine Art zu lesen ist die eines hochgradig talentierten Umblätterers, also eines Mannes, der lieber umblättert, als liest, der also Dutzende, unter Umständen Hunderte von Seiten umblättert, bevor er eine einzige liest; aber wenn der Mann eine Seite liest, so liest er sie so gründlich, wie keiner und mit der größten Leseleidenschaft, die sich denken läßt. Ich bin mehr Umblätterer als Leser, müssen Sie wissen, und ich liebe das Umblättern genauso wie das Lesen, ich habe in meinem Leben millionenmal mehr umgeblättert, als gelesen, aber am Umblättern immer wenigstens so viel Freude und tatsächliche Geisteslust gehabt, wie am Lesen. Es ist doch besser, wir lesen alles in allem nur drei Seiten eines Vierhundertseitenbuches tausendmal gründlicher als der normale Leser, der alles, aber nicht eine einzige Seite gründlich liest, sagte er. Es ist besser, zwölf Zeilen eines Buches mit höchster Intensität zu lesen und also zur Gänze zu durchdringen, wie gesagt werden kann, als wir lesen das ganze Buch wie der normale Leser, der am Ende das von ihm gelesene Buch genauso wenig kennt, wie ein Flugreisender die Landschaft, die er überfliegt. Er nimmt ja nicht einmal die Konturen wahr. So lesen heute die Leute alle alles im Flug, sie lesen alles und kennen nichts. Ich betrete ein Buch und lasse mich darauf nieder, mit Haut und Haaren, müssen Sie denken, auf ein oder zwei Seiten einer philosophischen Arbeit, als wäre ich dabei, eine Landschaft zu betreten, eine Natur, ein Staatsgebilde, ein Erddetail, wenn Sie wollen, um ganz und nicht nur mit halber Kraft und mit halbem Herzen, in dieses Erddetail einzudringen, es zu erforschen und um dann, ist es erforscht mit aller mir zur Verfügung stehenden Gründlichkeit, auf das Ganze zu schließen. Wer alles liest, hat nichts begriffen, sagte er. Es ist nicht notwendig, den ganzen Goethe zu lesen, den ganzen Kant, auch nicht notwendig, den ganzen Schopenhauer; ein paar Seiten Werther, ein paar Seiten Wahlverwandtschaften und wir wissen am Ende mehr über die beiden Bücher, als wenn wir sie von Anfang zum Ende gelesen hätten, was uns in jedem Fall um das reinste Vergnügen bringt. Aber zu dieser drastischen Selbstbeschränkung gehört so viel Mut und so viel Geisteskraft, daß sie nur sehr selten aufgebracht werden kann und daß wir selbst sie nur selten aufbringen; der lesende Mensch ist wie der fleischfressende auf die widerwärtigste Weise gefräßig und verdirbt sich wie der fleischfressende den Magen und die gesamte Gesundheit, den Kopf und die ganze geistige Existenz. Selbst eine philosophische Abhandlung verstehen wir besser, wenn wir sie nicht zur Gänze auffressen in einem Zug, sondern uns nur ein Detail herauspicken, von welchem wir dann auf das Ganze kommen, wenn wir Glück haben.
Thomas Bernhard - Alte Meister